Unser Rundbrief im Juni 2026: Kolumbien

Demonstration zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (25. November 2022), Bogotá, Kolumbien

Beitragsbild: © AFP via Getty Images

In Kolumbien wurde am Montag dieser Woche Cleiner Almanza von Unbekannten in eine abgelegene Gegend gelockt. Sie wurde angegriffen, gefoltert und erlebte geschlechtsspezifische Gewalt. Sie wurde beinahe getötet. Cleiner gehört in Kolumbien zu den sogenannten Mujeres Buscadoras (Suchende Frauen), denn sie sucht seit 1998 nach ihrem Bruder, der „verschwunden“ ist.

In Kolumbien ist das Verschwindenlassen eine von vielen Gewaltformen im Kontext des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts. Die Wahrheitskommission stellte in ihrem Abschlussbericht 2022 fest, daß zwischen 1985 und 2016 schätzungsweise 210.000 Menschen „verschwunden“ sind. Zwischen Dezember 2016 und Juli 2024 dokumentierte das internationale Komitee des Roten Kreuzes weitere 1.730 Fälle im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten – rechnerisch eine Person alle 36 Stunden. Bis heute werden immer wieder neue Fälle gemeldet.

Die Mujeres Buscadoras suchen nach ihren Angehörigen. Sie fordern die Wahrheit über die begangenen Verbrechen ein und kämpfen für Gerechtigkeit, Wiedergutmachung sowie Garantien, daß sich diese Verbrechen nicht wiederholen. Deshalb sind diese Suchenden als Menschenrechtsverteidiger*innen besonderen Risiken ausgesetzt, insbesondere durch Gewalt seitens der mutmaßlich Verantwortlichen. Da die Mehrheit der Suchenden Frauen sind, sind sie zusätzlich einem hohen Risiko geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt.

In Kolumbien gibt es seit 2024 das Gesetz 2364 (Ley de Mujeres Buscadoras), das die Mujeres Buscadoras als Menschenrechtsverteidiger*innen anerkennt und Schutzmaßnahmen für sie vorsieht. Doch trotz öffentlicher Zusagen der Generalstaatsanwaltschaft, Angriffe auf die Frauen gründlich zu untersuchen, sind fast zwei Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes zentrale Verpflichtungen weiterhin nicht umgesetzt. Das zeigt nicht nur der Fall von Cleiner Almanza, sondern auch der Fall von Claribel Moreno Castillo. Claribel wurde am 13. Mai ermordert, nachdem sie vier Jahre lang nach ihrer „verschwundenen“ Tochter gesucht hatte.

Amnesty fordert deshalb, daß

  • die Verpflichtungen der Generalstaatsanwaltschaft aus dem Gesetz 2364 von 2024 (Ley de Mujeres Buscadoras) umgesetzt werden müssen, indem der Angriff auf Cleiner Almanza umfassend untersucht und konsequent aufklärt werden muss;
  • sowohl die Auftraggeber*innen als auch die direkten Täter*innen ermittelt und diese in fairen Gerichtsverfahren zur Verantwortung gezogen werden müssen. Wirksame Ermittlungen sind entscheidend, um weitere Angriffe auf Mujeres Buscadorasin Kolumbien zu verhindern.

Im Anhang findet ihr den Appell an die Botschaft in Berlin und die Staatsanwältin Luz Adriana Camargo. Der Brief an die Botschaft kann auch gesendet werden an: ealemania@cancilleria.gov.co